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Geschichte einer aussergewöhnlichen Integration

Das Hauptziel des Betriebes TATkraft ist es, die Teilnehmenden in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren und in die finanzielle Selbständigkeit zu führen.

Ich möchte hier eine Geschichte erzählen, wie sich eine Integration entwickeln kann. Es ist nicht jedes Mal derselbe Weg, manchmal gibt es viele Umwege und Komplikationen, wie Sie hier lesen können.

Frau S., eine junge Frau, kam im August 2016 zu uns ins Tatkraft für ein sechsmonatiges Programm für berufliche Eingliederung. Sie wurde im Fernen Osten geboren und kam im Alter von sechs Jahren mit Bruder und Mutter in die Schweiz. Die Schule war sehr anstrengend für sie, da sie die neue Sprache erst lernen musste und in der Familie nicht auf Unterstützung hoffen konnte, da dort niemand deutsch sprach.

So kam Frau S. im Alter von nicht mal zwanzig Jahren zu uns mit dem Wunsch, eine Ausbildung in der Pflege zu machen und danach eine Stelle zu finden. Schon als Kind wollte Frau S. Menschen pflegen, es war ausgesprochen ihr Wunschberuf. Damit war unser Vorgehen bereits bestimmt, wir suchten nach einem Praktikum im Pflegebereich.

Als erstes stellten wir alle Unterlagen zusammen, Lebenslauf, Zeugnisse aus der Schule, wir machten Fotos von Frau S., um ein präsentables Dossier zum Verschicken zu haben. Danach suchten wir Adressen von Spitälern und Altersheimen. Wir fragten telefonisch bei mindestens zwanzig Institutionen nach und siehe da, Frau S. bekam im Bruderholzspital eine Praktikumsstelle für ein halbes Jahr. In April 2017 ging das Praktikum zur Ende und wieder suchten wir nach einem Praktikum, diesmal mit einer Ausbildungsmöglichkeit. Wir fanden einen Platz im Felix Platter-Spital, wieder für ein halbes Jahr. Dort zeigte sich, dass die angestrebte Ausbildung zur Fachfrau Betreuung EFZ für Frau S. viel zu schwer war. Es wurde uns empfohlen stattdessen, den SRK (Schweizerisches Rotes Kreuz)-Lehrgang für Pflegehelferinnen ins Auge zu fassen.

Im Januar 2018 begann Frau S. die zweimonatige Ausbildung und schon während der Ausbildung wurde klar, dass sie Unterstützung beim Lernen brauchte. Zu Hause konnte ihr niemand helfen, die Mutter sprach immer noch kein Deutsch, also kam Frau S. wieder zu uns. Leider zu spät, denn die schriftlichen Prüfungen standen bereits vor der Tür und Frau S. bestand die Prüfung nicht. Also hiess es noch mal die Chance zu packen, die Prüfung zu wiederholen und natürlich lernen, lernen und nochmals lernen. Wir machten uns an die Arbeit, sie bekam von uns die Anleitung, wie man effizient lernen kann; also z.B. Zusammenfassungen auf Kärtchen schreiben, dann abfragen bis man sicher ist dass es passt. Wir gingen zur GGG-Bibliothek (kannte Frau S. nicht) um einen ruhigen Ort zum Lernen zu finden.

Bei der zweiten Prüfung bat mich Frau S., sie zu begleiten, der Prüfungsdruck war für sie alleine zu gross, die Nervosität zu überwältigend, Frau S. beantwortete alle Fragen richtig und bestand die Prüfung ausgezeichnet. Uff, es war für uns ein glücklicher Tag!

Nun begann die Suche nach einem Pflegeheim für die praktische Prüfung von neuem, es war inzwischen schon Mai 2018. Wir fanden ein Altersheim, in der Nähe von Binningen, Frau S. machte die obligatorischen zwei Praktikumswochen für den Abschluss und ich bekam ein Telefonat von der Abteilungsleiterin, um ein Gespräch mit ihr und Frau S. zu vereinbaren.

Am 14. Juni 2018 sassen wir im Garten des Altersheims, die Abteilungsleiterin lobte Frau S. sehr und bot ihr im Heim eine feste Stelle an. Der lange Weg war nach zwei Jahren zu Ende. Aus einem jungen, unsicheren Mädchen ist eine selbstbewusste Frau geworden, die ihren Platz mit gesicherter Zukunft in unserer Gesellschaft gefunden hat.

Iva Streckeisen, Geschäftsführerin TATkraft, 20. August 2018